News-Details

Wie man im Eiskunstlaufen wertet

Das Wertungsystem der Internationalen Eislaufunion (ISU) ist fair und transparent, aber auch komplex.

„Im alten 6,0-System musste man den ganzen Wettbewerb im Kopf haben. Da war der Adrenalinspiegel höher, weil man sich alle paar Minuten neu entscheiden musste“, sagt Thomas Biegler. Früher musste man Athleten direkt miteinander vergleichen und vergab Platzierungen. Jetzt wird jedes Element einer Läuferin für sich bewertet und zusätzlich Noten für so genannte Programmkomponenten vergeben. Thomas ist seit 1990 Preisrichter und hat 2018 einen der Olympischen Eiskunstlauf-Wettkämpfe in PyeongChang gewertet. Bei den Winterspielen 2022 in Peking sitzen Elisabeth Binder und Bernhard Just für Österreichs im Preisgericht.

Technisches Panel und Preisrichter:innen

Den Schwierigkeitsgrad eines Elements (Level 1 bis 4) legt das technische Panel fest. Mit einer Wertung von Plus oder Minus 1 bis 5 wird inkl. 0 von den Preisrichter:innen die Ausführung von Sprüngen, Pirouetten, Schrittfolgen bewertet. Aus diesen so genannten GOEs (Grad of Execution) werden Mittelwerte ermittelt, die Punkte für jedes Element am Ende addiert.

Und schließlich gibt es noch Programmkomponenten: Eislauffähigkeiten, Verbindungen, Präsentation, Komposition und Interpretation. Für jeden Bereich können die Judges von 0,25 bis zu 10 Punkte (= „Outstanding“) vergeben. „10 vergibt man nicht einfach so. Da muss alles stimmen“, sagt Gabriele Streil. Sie ist internationale Preisrichterin für Einzel- und Paarlauf sowie für Eistanz. Im Einzel- und im Paarlauf zählen die Programmkomponenten in der Kür doppelt so viel wie jene im Kurzprogramm. Im Eistanzen ist der Unterschied zwischen Rhythmustanz und Kür kleiner.

Zwei Kufen und fünf Ringe: In unserer großen Olympia-Blogserie stellen wir nationale Spitzen-Läufer:innen und Nachwuchshoffnungen vor und erklären wichtige Grundlagen des Sports.

Kratzen ist schlecht

Das Wertungssystem ist komplex und für Eiskunstlauf-Laien nicht ganz so einfach zu verstehen. Gabriele Streil hat Tipps, worauf man beim Zuschauen achten kann. Im Fernsehen sei die Live-Einblendung der Bewertung hilfreich. In der Halle bekomme man die Stimmung mit. „Ob dich jemand packt, ob das Programm zur Musik passt – das kann man auch ohne großes Wissen erkennen.“ Ein gutes Zeichen sei es, wenn man beim Eislaufen kein Kratzen hört. „Ich schau zum Beispiel darauf, ob Läufer:innen viel in die Knie gehen, wie stabil die Positionen oder wie schnell die Rotationen einer Pirouette sind.“

Während eines Programmes gibt die Preisrichterin ihre Wertungen via Touchscreen am Tablet oder Laptop ein, gleichzeitig führt sie ein handschriftliches Wertungsblatt. Bei einem Element im Eistanzen muss sie bis zu 14 Punkte berücksichtigen, die ein Paar falsch machen kann. Streil: „Dafür gibt es eine Abzugstabelle, die jährlich adaptiert wird. Und die müssen wir Preisrichter:innen im Schlaf beherrschen.“ Denn Zeit zum Nachlesen während des Wettkampfs bleibt keine.

Bewertungsstress und Objektivität

Gabi Streils Arbeitstage in der Halle können schon einmal neun Stunden dauern. „Das ist geistig eine große Herausforderung.“ Trotz Bewertungsstress kann sie Programme auch genießen. „Mir reicht ein tolles Programm, um zu sagen: ‚Es hat sich gelohnt, da hin zu fahren.‘“

Thomas Biegler stand dem neuen Wertungssystem anfangs kritisch gegenüber: „100-prozentig objektiv ist aber kein zu bewertender Sport. Das ist nicht möglich.“ Wegen seiner objektiven und streng definierten Kriterien komme es einem gerechten Ergebnis äußerst nahe. ///

Zurück